Nachgefragt:
Das Brunsbachtal-Experiment – oder: Wie teuer darf ein Zweckbad eigentlich werden?
Liebe Hückeswagenerinnen und Hückeswagener,
manchmal lohnt es sich, politische Entscheidungen noch einmal nüchtern nachzurechnen. Nicht, weil man Entscheidungen grundsätzlich verhindern möchte – sondern weil sie unsere Stadt über Jahrzehnte prägen werden. Genau so ein Fall ist das Projekt Brunsbachtal: ein neues Bad, eine neue Energieversorgung und Investitionen im zweistelligen Millionenbereich. Und genau hier beginnt eine Frage, die inzwischen viele Bürger stellen:
War die gewählte Lösung wirklich die wirtschaftlichste?
Die Entscheidung des Rates
Warum setzt Hückeswagen auf Geothermie?
Im Dezember 2023 beschloss der Rat der Stadt Hückeswagen den Bau einer regenerativen Heizzentrale auf Geothermie-Basis. (Die AfD hat nicht dafür gestimmt).Die Kosten laut Ratsvorlage: rund 2,1 Millionen Euro. Die Anlage soll künftig das neue Bad, die Schule und die Mehrzweckhalle mit Wärme versorgen. Ein Teil der Investition wird über Fördermittel finanziert. Rechnet man eine Förderung von etwa 40 Prozent ein, verbleiben für die Stadt dennoch rund 1,2 Millionen Euro Eigenanteil. Mit anderen Worten: Die Stadt nimmt über eine Million Euro in die Hand, um eine geförderte Lösung umzusetzen. Das kann sinnvoll sein – vorausgesetzt, die gewählte Technik arbeitet langfristig auch wirtschaftlich. Genau an dieser Stelle lohnt sich jedoch ein Blick auf mögliche Alternativen.
Eine mögliche Alternative
Hätte ein Blockheizkraftwerk wirtschaftlicher sein können?
Nach gängigen kommunalen Planungswerten liegen die Investitionskosten für ein Blockheizkraftwerk (BHKW) dieser Größenordnung häufig im Bereich von etwa 500.000 Euro. Der entscheidende Unterschied: Ein BHKW erzeugt gleichzeitig Wärme und Strom. Während eine Wärmepumpe Strom benötigt, produziert ein BHKW einen Teil der benötigten Energie selbst. Dieser Strom könnte direkt in Schule, Bad und Mehrzweckhalle genutzt werden. Je nach Betriebsweise könnten sich daraus – nach üblichen kommunalen Erfahrungswerten – jährliche Einsparungen im Bereich von 70.000 bis 90.000 Euro ergeben. Die Geothermieanlage hingegen benötigt Strom. Und zwar nicht wenig.
Wie Geothermie tatsächlich funktioniert
Warum braucht eine Wärmepumpe Strom?
Die geplante Anlage nutzt sogenannte Niedertemperatur-Geothermie. Dabei wird keine heiße Energie aus der Erde gefördert. Stattdessen wird dem Boden Energie von etwa 8 bis 12 Grad Celsius entzogen. Eine Wärmepumpe hebt diese Temperatur anschließend auf ein nutzbares Heizniveau an – ähnlich wie ein umgekehrter Kühlschrank. Aus einer Kilowattstunde Strom entstehen dabei etwa drei bis vier Kilowattstunden Wärme.
Solange Gebäude gut gedämmt sind und niedrige Heiztemperaturen ausreichen, funktioniert dieses System sehr effizient. Doch genau hier liegt ein möglicher Knackpunkt.
Der Winter – und die Realität älterer Gebäude
Wie hoch ist der Strombedarf tatsächlich?
Die Anlage soll nicht nur das neue Bad versorgen, sondern auch bestehende Gebäude wie Schule und Mehrzweckhalle. Viele dieser Gebäude stammen aus älteren Baujahren. Das bedeutet häufig:
höhere Wärmeverluste
höhere Vorlauftemperaturen
mehr Energiebedarf im Winter
Je höher die benötigte Heiztemperatur, desto mehr Strom verbraucht die Wärmepumpe. Nach typischen Erfahrungswerten könnte sich für Bad, Schule und Mehrzweckhalle ein jährlicher Strombedarf von etwa 570.000 kWh ergeben. Bei einem kommunalen Strompreis von derzeit etwa 22 Cent pro Kilowattstunde entspräche das rund 125.000 Euro jährlich.
Steigt der Strompreis – etwa auf prognostizierte 27 Cent bis 2028 – lägen die Kosten bereits bei rund 155.000 Euro pro Jahr. Ein BHKW würde hingegen selbst Strom erzeugen und könnte diese Kosten zumindest teilweise reduzieren.
Ein weiterer Punkt: Versorgungssicherheit
Was passiert bei einem Stromausfall?
Ein oft übersehener Unterschied betrifft die Krisensicherheit. Eine Wärmepumpe ist vollständig stromabhängig. Fällt das Netz aus, steht auch die Heizung still. Ein modernes Blockheizkraftwerk kann hingegen schwarzstartfähig ausgelegt werden. Das bedeutet: Es kann eigenständig Strom erzeugen – sogar bei einem Netzausfall.
Damit könnten Schule und Mehrzweckhalle im Notfall als beheizte Notunterkünfte mit eigener Stromversorgung dienen. Mit der jetzigen Lösung wäre das nur eingeschränkt möglich.
Das neue Bad
Zweckbad oder Chance für die Stadt?
Parallel zur Energieversorgung entsteht das neue Zweckbad im Brunsbachtal. Die aktuellen Planungen gehen von etwa 30 Millionen Euro Baukosten aus. Das Projekt soll über einen Totalunternehmer realisiert werden, sodass die endgültigen Kosten noch nicht vollständig feststehen. Das Bad ist bewusst funktional geplant:
Schulsport
Rehasport
Vereinsschwimmen
Bahnenziehen
Babybecken mit Babyrutsche
In den Planungen wird mit rund 100.000 Besuchern pro Jahr gerechnet. Ein Blick auf vergleichbare Sportbäder zeigt jedoch, dass viele Einrichtungen dieser Größe eher 45.000 bis 60.000 Besucher jährlich erreichen. Sollten es tatsächlich nur etwa 50.000 Besucher werden, hätte das erhebliche Auswirkungen auf die Einnahmen. Diese Differenz müsste langfristig aus dem städtischen Haushalt ausgeglichen werden.
Eine alternative Idee
Warum wurde kein Bürgerbad vollständig durchgerechnet?
Genau deshalb stellt sich eine weitere Frage:
Wenn ohnehin neu gebaut wird – warum wurde nicht zumindest eine zweite Variante vollständig berechnet? Ein mögliches Bürgerbad mit:
Rutsche
Sprungturm
Sauna
Gastronomie
hätte vermutlich Investitionen von rund 38 Millionen Euro erfordert – also etwa 8 Millionen Euro mehr. Gleichzeitig hätte ein solches Konzept jedoch zusätzliche Einnahmequellen eröffnen können:
höhere Besucherzahlen
Gastronomie-Pachten
Sauna-Einnahmen
In Kombination mit einem BHKW hätte ein solches Modell zudem einen Teil seiner Energie selbst erzeugen können. Ob diese Variante tatsächlich wirtschaftlicher gewesen wäre, lässt sich nur durch eine vollständige Gegenrechnung beurteilen. Genau diese Gegenrechnung hätte ich mir gewünscht.
Die eigentliche Frage
Das Bad wird vermutlich gebaut. Die politische Entscheidung ist getroffen. Aber eine Frage bleibt: Wurde wirklich die wirtschaftlichste Lösung gewählt – oder die politisch bequemste?
Laut Ratsbeschluss wurde das Projekt von den meisten Fraktionen getragen. Lediglich die AfD enthielt sich beziehungsweise stimmte dagegen. Zu diesem Zeitpunkt war ich selbst noch nicht aktiv an der politischen Diskussion beteiligt. Wenn meine Berechnungen falsch sind, freue ich mich über jede Gegenrechnung. Wenn sie jedoch stimmen, sollten wir zumindest daraus lernen. Denn Entscheidungen dieser Größenordnung prägen eine Stadt nicht für fünf Jahre. Sondern für 40 Jahre und mehr.
Und genau deshalb lohnt es sich, noch einmal genauer hinzusehen.
Anderson Black
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